Digitale Un- gleichheiten

Eine Quellensammlung zur Geschichte des digitalen Zeitalters

Christine Bartlitz & Michael Homberg (Hg.)

Die »Digitalisierung« der Lebens- und Arbeitswelten zählt zu den hervorstechenden Kennzeichen unserer Gegenwart. Dabei ist die gegenwärtige Ordnung des digitalen Zeitalters zugleich das Ergebnis lang anhaltender und kontroverser Aushandlungsprozesse. Aus der Perspektive des 21. Jahrhunderts lassen sich die gesellschaftlichen Veränderungen im anbrechenden Computerzeitalter seit den 1950er Jahren als Epochenschwelle begreifen, die einen grundlegenden politischen, sozialen und kulturellen Wandel sowie die Entstehung neuer Wissensordnungen, Handlungslogiken und Kommunikationsweisen zeitigte. Zuletzt wurde dieser epochale Wandel als Weg in eine neue, »digitale Gesellschaft« beschrieben.

Bis heute wird dieser Weg in die »digitale Gesellschaft« mit seinen tiefgreifenden sozialen, politischen, ökonomischen und kulturellen Auswirkungen häufig als Emanzipationsgeschichte erzählt. Allerdings sind in diesem Prozess zugleich neue Trennlinien und Hierarchien entstan­den, durch die gesellschaftliche Ungleichheiten und Machtgefälle reproduziert oder verschärft werden. Dieses Quellenkompendium widmet sich den bislang wenig thematisierten Schattenseiten der Digitalisierung in Diskurs und Praxis; es macht greifbar, wie sich die teilweise verborgenen Voreingenommenheiten der technologischen Systeme in den Lebens- und Arbeitswelten auswirken. Indem die Sammlung die Exploration der Geschichte des digitalen Zeitalters mit der Erkundung digitaler Methoden verbindet, reflektiert sie zugleich die Digitalgeschichte in konsequenter Weise in ihrer doppelten Semantik als Forschungsgegenstand und -methode.

Die Magie der Zehntelsekunde

Der Wochenschau-Beitrag »Passkontrolle« als filmische Inszenierung von Sicherheit

Die UFA präsentierte in ihrem Beitrag »Passkontrolle« ein Thema, das die Kontrollmöglichkeiten der westdeutschen Sicherheitsbehörden in den Mittelpunkt stellte: die technologische Aufrüstung der Grenzkontrolle durch den Einsatz der elektronischen Datenverarbeitung (EDV). Im Folgenden soll die filmische Inszenierung des Computereinsatzes in Polizei und Nachrichtenwesen – vor der Folie zeitgenössischer Diskurse um »Sicherheit« und »Kontrolle« in der Bundesrepublik – beschrieben werden.

»Hallo Mädels!«

Spielemagazine und der Mythos vom Gaming als Männerdomäne

Gaming-Kulturen stehen oft im Verdacht, eine Männersache zu sein. Frauen und Mädchen lassen sich sehr gut in Gaming-Kulturen nachweisen – und sie haben auch trotz aller Widerstände schon immer den Mund aufgemacht. Der folgende Beitrag skizziert einen Teil der damit verbundenen Dynamik entlang der Girl Seite der Amiga Joker und spürt dabei beispielhaft der Frage nach, wie die Konstruktion von Gaming als Männerdomäne feministische Gegenrede beeinflusst hat.

The Flowchart is Wrong Because Software is Complicated

By the early 1960s the flowchart had become the central design document of software development – mandated by curriculum, standardized by national and international bodies, embodied in plastic templates and gridded worksheets, and described in textbook after textbook as the »programmer’s blueprint.« And yet, as everyone also knew, the flowchart was almost never an accurate representation of the program it was supposed to describe.

Algorithmus der Liebe

Die Geschichte des Computer-Datings seit den 1950er Jahren

Online-Dating-Apps wie Tinder, Parship und Co. sind heute aus dem Leben vieler Menschen kaum mehr wegzudenken. Dieser Beitrag widmet sich der langen Geschichte des Computer-Datings in den USA und Europa seit den 1950er Jahren. Er geht dazu der Frage nach, welche emanzipativen Wirkungen dem Algorithmus der Liebe zukamen und wo er vielmehr als Strukturverstärker bestehender gesellschaftlicher Ungleichheiten erschien.

Picturing the Digital Age in South Africa

Newspaper Archives and their Visual Heritage

In the 1950s and 1960s, the USA staged a digital modernity powered by computer technology, which was to be transferred to the “rest of the world.” Taking part in an ideology of modernisation that originated in the industrialised nations and took hold among the planners of countries striving for independence, computers became a veritable media event in South Africa, shaped by the specific social, political and economic conditions of the apartheid state.

»Wir sind alle eine glückliche Familie«

Die Bildung einer globalen Corporate Identity in den Anfängen der IBM World Trade News

In der Mitte des 20. Jahrhunderts standen viele international expandierende Unternehmen vor der Herausforderung, ihre wachsende und geografisch weit verstreute Belegschaft organisatorisch und kulturell zu integrieren. Der folgende Beitrag untersucht anhand der Mitarbeiterzeitschrift IBM World Trade News, wie die IBM in den frühen 1950er Jahren ein an die Angestellten gerichtetes Selbstbild konstruierte.

»Plan und Chaos liegen dicht beieinander«

Die »Wandzeitung« der EDV im Stahl- und Walzwerk Brandenburg Havel (SWB)

In Brandenburg an der Havel stand zu Zeiten der DDR das größte Stahl- und Walzwerk des Landes, in dem ab den 1960er Jahren zunehmend Computer zur elektronischen Datenverarbeitung eingesetzt wurden. In diesem Beitrag geht es um die Frage, wie eine von EDV-Mitarbeiter gestalteten Scherzzeitung im Kontext der Geschichte des Stahl- und Walzwerks und der Digitalisierung der DDR einzuordnen ist.

»Ein Bildschirm kommt selten allein«

Computer, Gewerkschaften und der Wandel der Arbeitswelt in einem Berliner Industriebetrieb Anfang der 1980er Jahre

Wer heute ein Unternehmen besucht, wird sich kaum wundern, wenn ein großer Teil der Belegschaft vor einem Computer sitzt. Was uns heute häufig als Selbstverständlichkeit erscheint, war in der Vergangenheit allerdings bisweilen hart umkämpft – wie eine Broschüre von Gewerkschafter:innen in der Berliner Schering AG aus den frühen 1980er Jahren zeigt.

Computer für alle

oder: Zur ungleichen Verteilung technischen Wissens im PC-Zeitalter

In den 1980er Jahren versprachen Personal Computer, die digitale Welt für alle zugänglich zu machen. Doch obwohl Computer zur Massenware wurden und ihre Nutzung immer einfacher erschien, blieb ihr technisches Innenleben vielen verborgen – und damit auch die Fähigkeit, ihr Potenzial auszuschöpfen. Ein Beispiel aus der Schweizer Bundesverwaltung zeigt, wie diese ungleiche Verteilung von technischem Wissen strukturell verankert wurde.

»Digital in Gottes Reich?«

Wie PCs ab Mitte der 1980er Jahre Einzug in westdeutsche evangelische Kirchengemeinden hielten

Als ab Mitte der 1980er Jahre Heimcomputer und PCs Einzug in westdeutsche evangelische Kirchengemeinden hielten, wurde auch dort angeregt über Nutzungsszenarien, innerkirchliche Arbeitsabläufe und Hierarchien sowie die Veränderung von pastoralen und ekklesiologischen Leitbildern diskutiert. Vielfach wurden Computer-Diskurse dabei zu Stellvertreterdebatten, in denen um innerkirchliche Machtverhältnisse und Selbstverständnisse gerungen wurde.

Mütter mit Modem

Ein Netzwerk von »Frauenwebsites« im frühen WWW

Dieser Beitrag stellt anhand einer Netzwerk-Visualisierung vor, wie sich Frauen mittels privater Homepages im noch jungen Medium des World Wide Web präsentierten und in einem spezifischen Zusammenhang von »Frauenwebsites« vernetzten. Diskutiert wird das Community Building von Frauen im Netz und die Frage, welche politischen Dynamiken die Ausbildung von Netzwerken entlang gemeinsamer Geschlechtsidentitäten im virtuellen Raum entfachten.

»Die Hauptschule darf nicht leer ausgehen«

Digitale Bildungsungleichheit Mitte der 1980er Jahre

Als Computer Mitte der 1980er Jahre zunehmend Einzug in den Alltag hielten, wurde die Vermittlung von Computerkenntnissen zu einem zentralen bildungspolitischen Thema. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) machte dabei bereits 1986 auf die systematische Benachteiligung von Hauptschüler aufmerksam, und artikulierte wie digitale Ungleichheit in der Schule sichtbar wurde und welche Lösungen denkbar waren.

(Computer‑)​Gesellschaftskunde via Schulfunk

Eine Unterrichtseinheit des SDR zum digitalen Datenschutz, 1990

Einen Einblick, wie sich Bildungspolitiker:innen und Lehrmittelautoren die Vermittlung von ITG vorstellten, gibt die im SWR-Archiv überlieferte Sendereihe »Informationstechnische Grundbildung«. Wie versuchten die Filmemacher, auf welche potenziellen Gefahren des Computers für das Individuum und die Gesellschaft hinzuweisen? Und inwiefern warnten sie vor Ungleichheiten und Machtgefälle?

Registrieren, Kategorisieren, Kontrollieren

Das Ausländerzentralregister als Infrastruktur deutscher Migrations- und Sicherheitspolitik

Grenzen entstehen heute vor allem in Datenbanken. Dabei hat der Einsatz von Computern Grenzregime in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts grundlegend verändert: Der entscheidende Moment liegt nicht mehr in der Einreisekontrolle, sondern bereits im Visumsverfahren, in dem Menschen registriert, klassifiziert und vergleichbar gemacht werden. Doch wie lässt sich diese radikale Veränderung der Grenzregime durch Computer seit den 1950er Jahren historisch rekonstruieren?

Karikaturen der Digitalisierung

Die »Digitalisierung« ist schwer zu visualisieren. Zu sehen waren in der medialen Berichterstattung oft nur die glatten Oberflächen digitaler Endgeräte, auch die Produktion und die benötigten Rohstoffe blieben oftmals verborgen - Digitalisierung blieb unsichtbar, was eine politische Kritik der Digitalisierung genauso erschwerte wie deren Verständnis durch Bürger:innen im Alltag. Karikaturen aber durchbrachen gleichsam diese Unsichtbarkeit. Karikaturen durchbrachen diese Unsichtbarkeit, machten Digitalisierung sichtbar und boten Raum für Kritik und den Ausdruck von Technikemotionen.

Think BIG!

Innovationspolitik und High-Tech-Jungunternehmertum in West-Berlin in den 1980er Jahren

Der vorliegende Beitrag wird der Inszenierung des neueren High-Tech-affinen »Unternehmungsgeists« und der bundesdeutschen Debatte um eine neue Form des Jungunternehmertums anhand des West-Berliner Falls nachspüren. Hierbei sollen auch die Schattenseiten der entsprechenden mikroelektronischen bzw. digitalen Zukunftsvisionen zur Sprache kommen, die sich natürlich keineswegs auf Westdeutschland beschränkten.

»Programmierung muss eben auch als Forschungsprozess gesehen werden«

Ein Interview mit Marie Graser, Frederike Heinitz und Arno Schlipf

Das vorliegende Quellen-Kompendium »Digitale Ungleichheiten« ist das Ergebnis eines intensiven, gemeinsamen Forschungsprozesses von Zeithistoriker:innen und Programmierer:innen. Als Herausgeber:innen des Bandes haben wir ein schriftliches Interview mit diesen zentralen Protagonist:innen des digitalen Publizierens geführt, um ihre Perspektiven und Erfahrungen abzubilden.