Die Magie der Zehntelsekunde

Der Wochenschau-Beitrag »Passkontrolle« als filmische Inszenierung von Sicherheit

Es ist der 15. Dezember 1972, in vielen westdeutschen Städten ein bedeckter und kalter Wintertag. In den Lichtspielhäusern der Großstädte herrscht Hochbetrieb: Francis Ford Coppolas Mafia-Epos »Der Pate« erweist sich seit seiner Premiere als Publikumsmagnet. Doch bevor Marlon Brando als Don Corleone die Zuschauer:innen in die Abgründe des organisierten Verbrechens entführt, flimmert die Wochenschau »UFA-Dabei« über die Leinwände. Zwar hat das Fernsehen das Kino als tagesaktuelles Informationsmedium bereits seit den 1960er Jahren überholt, doch fungierte die Kino-Wochenschau noch immer als eine Art »Familienalbum der Nation«.1 Ihr Stil ist geprägt von einer Mischung aus Information und Unterhaltung – ein frühes »Infotainment«, das Nachrichten aus dem In- und Ausland in schnellen Schnitten, unterlegt mit treibender Musik und dem autoritären Duktus des Off-Sprechers, in zwei- bis fünfminütigen Beiträgen präsentierte.2

Die Wochenschauen der frühen Bundesrepublik waren von einem kritischen oder investigativen Stil weit entfernt; Ende der 1950er Jahre hatte der Literat Hans Magnus Enzensberger ihnen »Staatsfrömmigkeit« vorgeworfen.3 »Staatsfromm« war auch der Wochenschau-Beitrag »Passkontrolle« aus der im Dezember 1972 verbreiteten Ausgabe. Die Fähigkeit des westdeutschen Staats, sein »Sicherheitsversprechen« zu erfüllen, war zu diesem Zeitpunkt durchaus fraglich – die Schockwellen der »Maioffensive« der RAF und vor allem des Olympia-Attentats der palästinensischen Terrororganisation »Schwarzer September« in München wirkten nach. So präsentierte die UFA in ihrem Beitrag »Passkontrolle« ein Thema, das die Kontrollmöglichkeiten der westdeutschen Sicherheitsbehörden in den Mittelpunkt stellte: die technologische Aufrüstung der Grenzkontrolle durch den Einsatz der elektronischen Datenverarbeitung (EDV). Im Folgenden soll die filmische Inszenierung des Computereinsatzes in Polizei und Nachrichtenwesen – vor der Folie zeitgenössischer Diskurse um »Sicherheit« und »Kontrolle« in der Bundesrepublik – beschrieben werden.

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Wochenschau-Bericht: UFA-Dabei 854: »Passkontrolle«. Wochenschau-Bericht: UFA-Dabei 854: »Passkontrolle« 1972. Archiv: Bundesarchiv Bestand Film F 009506; veröffentlicht in: German History Intersections, https://germanhistory-intersections.org/de/wissen-und-bildung/ghis:video-3.

Steckbrief Quelle

Wochenschau-Bericht
UFA-Dabei 854: »Passkontrolle«
Datum
1972
Archiv
Bundesarchiv Bestand Film F 009506; veröffentlicht in: German History Intersections, https://germanhistory-intersections.org/de/wissen-und-bildung/ghis:video-3

Vom »Wirtschaftswunder« zur Migrationsgesellschaft

Die Computerisierung der Grenzkontrollen ist Ausdruck einer diskursiven »Versicherheitlichung« von Migration und Reiseverkehr – und zugleich eine frühe Konstellation »digitaler Ungleichheiten«: Indem die Verantwortlichen im Zuge der EDV-Einführung Entscheidungen über Mobilität und Zugänge an staatlich gepflegte Datenbestände koppelten, schufen sie eine Struktur, die Bundesbürger:innen, denen der Rechtsweg gegen behördliche Entscheidungen offenstand, systematisch gegenüber Migrant:innen und anderen Nicht-Deutschen begünstigte, denen eben diese Möglichkeiten weitgehend verwehrt blieben.4

Eingesetzt hatte diese Entwicklung ein Jahrzehnt zuvor.5 Seit den 1960er Jahren hatte sich die Bundesrepublik zu einer Migrationsgesellschaft entwickelt.6 Der wirtschaftliche Boom und die ab 1955 geschlossenen Anwerbeabkommen mit Staaten wie Italien, Spanien, Griechenland und der Türkei hatten dazu geführt, dass, kurz nach dem Berliner Mauerbau, zwischen 1962 und 1974 über acht Millionen »Gastarbeiter« in die Bundesrepublik kamen, was den tagtäglichen Druck auf die Grenzschützer und Passkontrollbeamte an Straßenübergängen, Grenzbahnhöfen, Seehäfen und internationalen Flughäfen massiv steigerte: Allein 1971 sollen 150 Millionen »Ausländer« in die Bundesrepublik eingereist sein.7

Parallel dazu korrespondierte die Motorisierung der Gesellschaft mit dem Durchbruch des Massentourismus: Während die Zahl der in der Bundesrepublik gemeldeten Kraftfahrzeuge zwischen 1960 und 1980 von knapp 4,5 Millionen auf gut 23 Millionen anstieg,8 wurde die Urlaubsreise über die Alpen an die Adria zur sozialen Norm,9 und seit den 1960er Jahren setzten sich Charterflüge für Fernreisen durch. Doch hatte diese neue Mobilität ihren Preis: Die Infrastruktur der Grenz- und Passkontrollen basierte noch immer auf der technischen Infrastruktur der frühen 1950er Jahre. Sie drohte unter der schieren Last des Reiseverkehrs und der täglichen Pendlerströme zu kollabieren.10

Zudem stieg mit der internationalen Mobilität auch die grenzüberschreitende Kriminalität – zumindest auf der Wahrnehmungsebene; die Kriminalstatistiken bilden eine quantitative Zunahme von Verbrechen in diesen Jahren nur eingeschränkt ab.11 Empirisch fassbar ist indessen, dass Autoschieberei, Rauschgift- und Waffenhandel zunehmend von professionell und grenzüberschreitend agierenden Banden praktiziert wurden. Teilweise wiesen diese Berührungspunkte mit dem internationalen Terrorismus auf, der mit seinen massenmedial inszenierten Gewalthandlungen Polizei und Nachrichtendienste ebenso unter Druck setzte wie der Linksterrorismus, dessen Protagonisten sich als entschlossene und hochmobile Avantgarde inszenierten.12 Gegenüber diesen neuartigen Bedrohungen aber erschien die auf papiernen Fahndungsbüchern basierende Polizeiarbeit als hoffnungslos veraltet.13 Das oftmals durch Konflikte und »turf wars« geprägte Nebeneinander von einem Bundeskriminalamt und elf Landeskriminalämtern galt als aus der Zeit gefallen.

Die »Bundes-Kopieranstalt« und die Informationsflut

Knapp zwei Jahrzehnte zuvor war ein schlagkräftiger polizeilicher Informationsverbund genau das gewesen, was die westalliierten Siegermächte nach den Erfahrungen mit den zentralisierten Repressionsorganen des Nationalsozialismus nicht gewollt hatten. Das BKA-Gesetz vom März 1951 hatte die Wiesbadener Behörde auf die Rolle einer rein koordinierenden »Nachrichtensammelstelle« reduziert.14 Die tägliche Arbeit glich dort in den 1950er Jahren eher der eines Archivs als einer modernen Ermittlungsbehörde. Der mühsame, rein manuelle Aufbau papierner Karteien brachte dem BKA den spöttischen Beinamen »Bundes-Kopieranstalt« ein.15

In den 1960er Jahren steigerte sich die Zahl der im BKA bearbeiteten Informationsvorgänge massiv: allein zwischen 1967 und 1970 von 700.000 auf über eine Million.16 Die Möglichkeit, die Informationsverarbeitung mittels Hollerith-Maschinen zu automatisieren, hatte der technikskeptische BKA-Präsident Paul Dickopf verstreichen lassen.17 Dabei war schon Mitte der 1960er Jahre ersichtlich, dass das herkömmliche System der papiernen Karteien – KP 13 und 14 für bekannte und unbekannte Täter – physisch am Ende war.18 Ein Fahndungsersuchen per Post benötigte damals oft zwei bis vier Wochen, bis es in den Karteien der Länder überhaupt wirksam wurde.19 In einer motorisierten Gesellschaft, in der Straftäter innerhalb kurzer Zeit Landesgrenzen überqueren konnten, erschien dieses »Postschneckentempo« zunehmend als Gefahr für die innere Sicherheit.20 Zwar unternahmen ab 1966 eine neu eingerichtete »AG Elektronik« des BKA und ab 1968 eine Bund-Länder-Projektgruppe erste Schritte in Richtung einer Technisierung der Informationsverarbeitung.21 Doch föderale Kompetenzstreitigkeiten und die Scheu vor dem massiven Umstellungsaufwand standen Erfolgen im Wege.

Dies änderte sich radikal mit dem Antritt der sozial-liberalen Koalition im Herbst 1969. Vor dem Hintergrund einer in der öffentlichen Wahrnehmung zunehmenden Kriminalität sagte Innenminister Hans-Dietrich Genscher dem Verbrechen den Kampf an: Er leitete ein »Sofortprogramm zur Modernisierung der Verbrechensbekämpfung« ein22 und fand in Horst Herold, der im September 1971 BKA-Präsident wurde, den perfekten intellektuellen Verbündeten.23

Herold, zum Zeitpunkt seiner Berufung Polizeipräsident in Nürnberg, war ein promovierter Jurist, dessen Denkhorizont durch eine Affinität zu naturwissenschaftlichen Modellen und besonders zur Kybernetik geformt worden war. In den frühen 1970er Jahren war Herold der Vordenker einer »Verwissenschaftlichung« der Polizeiarbeit. Durch die Nutzung und Vernetzung großer Datenmengen, so sein Argument, müsste es möglich sein, der bis dahin repressiven und reaktiven Polizeiarbeit einen präventiven Charakter zu geben, um letztlich – so eine vielzitierte Formulierung Herolds –, »vor dem Verbrecher am Tatort« zu sein.24 Der entscheidende Schritt war für ihn die Einführung eines »Informationssystems der Polizei« (INPOL), eines EDV-basierten Datenverbunds zwischen Bund und Ländern. Mit diesem sollten Übermittlungen von Haftbefehlen, Informationen zu gestohlenen Waffen und abgewiesenen Ausländern etc. nicht mehr im »Postschneckentempo«, sondern innerhalb von Zehntelsekunden möglich werden.

Was im »Datenrausch« der frühen 1970er Jahre indessen einstweilen übersehen wurde: Je stärker polizeiliche und administrative Routinen auf Datenbanken, algorithmisch sortierte Trefferlisten und automatisierte Abfragen gestützt werden, desto mehr verschiebt sich Macht in Richtung jener Institutionen, die Daten erheben, verknüpfen und interpretieren können. Digitale Systeme fungieren nicht nur als neutrale Werkzeuge, als »saubere« Technik. Sie fungieren als politische Technologien, die Mobilität regulieren und gesellschaftliche Grenzziehungen verdichten – ein Befund, der in der historischen Forschung zur »digitalen Gesellschaft« und ihren Ungleichheitsregimen zunehmend betont wird.25 Im Spätherbst 1972 betraf diese Logik u.a. »die Araber«, für die das Bundesministerium des Innern nach dem Olympia-Attentat – zunächst noch analog durchgeführte – rassistisch profilierende Erfassungen angeordnet hatte, die die Mobilität der dieser Großgruppe zugeordneten Menschen an den Grenzen der Bundesrepublik stark einschränkte.26

Herolds Propagierung einer »fahndenden und forschenden« Verbrechensbekämpfung traf sich mit dem Reform- und Modernisierungswillen der sozial-liberalen Koalition ebenso wie mit dem seinerzeit weitverbreiteten Glauben an die Möglichkeit, die Gesellschaft durch moderne Technologien zu steuern. Am 1. September 1971 von Genscher zum BKA-Präsidenten ernannt, führte Herold das INPOL-System im Rekordtempo ein. Am 13. November 1972 nahmen Genscher und Herold vor laufenden Kameras am Frankfurter Flughafen »INPOL« in Betrieb. Der wenige Wochen später in den westdeutschen Kinos gezeigte »UFA-Dabei«-Beitrag »Computerfahndung« lieferte gewissermaßen das nachgeschobene Erklärstück zu diesem offiziösen Akt – und präsentierte »INPOL« als technische Sensation.

Die Quelle: Das digitale Fangnetz am Flughafen

Die zentrale Begründung, die im Film für die Technisierung der Grenzkontrolle gegeben wird, ist die Diagnose, dass herkömmliche Passkontrollen am Frankfurter Flughafen, dem »Tor zur Welt«, keine Sicherheit mehr garantierten. Der Frankfurter Flughafen wird als »Entree für Gangster und Ganoven« versicherheitlicht. Der internationale Terrorismus wird nicht explizit erwähnt, doch dürfte dieser Kontext den Zuschauer:innen drei Monate nach dem Anschlag von München ohnehin gewärtig gewesen sein.

Inhaltliches Ziel des Clips war es, die Effizienz des INPOL-Systems im Bereich der Grenzkontrolle zu demonstrieren. Hierzu zeigt die UFA eine fingierte Szene: Ein Mitarbeiter der Wochenschau unterzieht sich einer Passkontrolle. Der Grenzschutzbeamte tippt dessen Personendaten in ein Terminal ein. In »einstelliger Sekundenschnelle« korrespondiert dieses per Datenfernübertragung – ein für die meisten Bundesbürger:innen seinerzeit unbekanntes Verfahren – in Frankfurt mit dem neuen INPOL-Zentralrechner in Wiesbaden.27 Das System schlägt prompt Alarm: Gegen den Passanten liegt ein Haftbefehl vor. Die Szene endet mit einer symbolträchtigen Verhaftung – man sieht, wie sich die Handschellen um die Gelenke des Wochenschau-Mitarbeiters schließen. Suggeriert wird dabei, dass der Straftäter ohne elektronischen Datenabgleich auf freiem Fuß geblieben wäre.28

Der Filmclip »Passkontrolle« ist ein Paradebeispiel für die Popularisierung von Technik durch das Medium Dokumentarfilm. Tatsächlich standen die Produzenten mit Blick auf die filmische Darstellung der elektronischen Datenverarbeitung vor einer Herausforderung: Digitale Prozesse sind kaum zu visualisieren, das Ziel, Computerarbeit zu zeigen, brachte das Medium Film an seine Grenzen. Um die Funktionsweise von »INPOL« zu illustrieren, griffen die Filmmacher daher auf die Bildsprache der Industriemoderne zurück: Der Film zeigt rotierende Magnetbandrollen und den grünleuchtenden Terminal-Bildschirm (mit der Anweisung »Verhaften!«) als physische Repräsentanten digitaler Datenströme.29 Der Computer wurde auf diese Weise physisch greifbar gemacht und zum »wertneutralen« Verbündeten anthropomorphisiert.30 Filme wie der Clip »Passkontrolle« fungierten als »Rituale der Verifizierung«. Sie beruhigten ein Publikum, das sich vor dem »gläsernen Menschen« fürchtete, ebenso wie diejenigen, für die »Sicherheit« mit physischer »law and order« verknüpft war, indem sie den unmittelbaren Nutzen für die Sicherheit spektakulär ins Bild setzten.31

Die Diskrepanz: Der Geist in der maroden Maschine

Doch tatsächlich setzte »UFA-Dabei« hier eine Praxis ins Bild, die Ende 1972 mehr Vision als Realität war. Die Praxis polizeilicher Datenverarbeitung war anfangs geprägt von massiven Kinderkrankheiten und systemimmanenten Widerständen, die im Film ausgeblendet wurden. Als das INPOL-System im November 1972 – wenige Wochen vor der Ausstrahlung des Films – in Betrieb genommen wurde, war der BKA-Zentralrechner noch gar nicht betriebsbereit gewesen. Um den festgelegten Termin für die Eröffnungsfeier halten zu können, hatte die Firma Siemens mit einem Firmenrechner ausgeholfen. Und während im Film behauptet wird, dass »500 Außenstellen« auf die BKA-»Programmierzentrale« zugreifen könnten, waren Ende 1972 tatsächlich lediglich das LKA Saarbrücken sowie die Grenzschutzdirektion Koblenz angeschlossen.

Zudem war die Vision Herolds von einem zentralen polizeilichen »Gehirn« auf den hartnäckigen Widerstand der Länder gestoßen, die auf ihre föderale Eigenständigkeit pochten.32 So hatte das LKA Düsseldorf bereits einen eigenen, auf IBM-Technik fußenden EDV-Verbund auf Landesebene entwickelt, der mit dem Siemens-BKA-System nicht auf Anhieb kompatibel war. Auch andere Länder weigerten sich zunächst, ihre Datenbestände einfach in ein Zentralsystem zu überführen.33 Anders als durch den Wochenschau-Beitrag suggeriert, existierte »INPOL« als bundesweiter polizeilicher Datenverbund im Dezember 1972 noch nicht.

Hinzu kam die technische Störanfälligkeit. Was in der UFA-Wochenschau als blitzschnelle, souveräne Antwort erscheint (»in Sekunden erfolgt aus Wiesbaden die Rückantwort«), litt in der Praxis oft unter dem sogenannten Autobahneffekt: Bei zu vielen gleichzeitigen Anfragen brachen die Antwortzeiten ein, oder das System schaltete sich aufgrund der Überlastung komplett ab.34 Die in Wiesbaden eingesetzten Siemens-Rechner der 4004-Serie vertrugen kaum Temperaturschwankungen; sie benötigten eine Kühllogistik von der Größe eines »Schlachtschiffs«, um überhaupt operabel zu bleiben.

Auch die Qualität der Daten selbst war oft mangelhaft. Da es an geschultem Fachpersonal fehlte, mussten Kriminalbeamte als Autodidakten angelernt werden, um Datensätze zu erstellen.35 In den frühen 1970er Jahren wurden Update-Karten oft »hastig und unleserlich« von Hand ausgefüllt, was zu zahlreichen Fehlern im System führte.36 Das im Film gefeierte System basierte also zu einem erheblichen Teil noch auf einer fehleranfälligen analogen Zuarbeit.

Fazit: Das Bild als Vorreiter der Realität

Somit dokumentiert der UFA-Beitrag von 1972 weniger die polizeiliche Wirklichkeit. Er bildet eine staatliche »Sollvorstellung« ab.37 Er zeigt den Moment, in dem Protagonisten der inneren Sicherheit begannen, technologische Überlegenheit als Kompensation für die schwindende Kontrollierbarkeit einer zunehmend mobilen und komplexen Welt zu inszenieren. Der Film diente dazu, ein Bild von Sicherheit zu produzieren, das die unübersichtlichen Konstellationen in der durch organisierte Kriminalität und Terrorismus geschüttelten westdeutschen Gesellschaft für ein paar Minuten dem Modus technischer Kontrollierbarkeit unterwarf – der freilich auf dem Prinzip der Selektion fußte: Digitale Grenzkontrolle traf jene, die als »Ausländer« registriert oder als Sicherheitsrisiko eingestuft worden waren, in ungleich stärkerem Maße. Vorgeführt wird hier die »Schauseite« einer neuen, technokratischen und durch die Optik klinisch reiner Rechenzentren geprägten Polizeiarbeit, nicht abgebildet wird indessen die organisationale Realität von umgeschulten Kriminalbeamten, die unter dem Lärm einer riesigen Klimaanlage verzweifelt versuchten, die Datenverbindungen zu den eigensinnigen Bundesländern stabil zu halten und »Autobahneffekten« entgegenzuwirken.

Fußnoten

  1. 1
    Sigrun Lehnert, Die Kino-Wochenschau: Ein Modell der audiovisuellen Informationsvermittlung, in: Medienobservationen, 2019, S. 1-20, hier S. 3, https://www.medienobservationen.de/pdf/20190416Lehnert.pdf.
  2. 2
    Jeanpaul Goergen, Der dokumentarische Kontinent. Ein Forschungsbericht, in: ders./Antje Ehmann/Jeanpaul Goergen (Hg.), Geschichte des dokumentarischen Films in Deutschland; Band 2: Weimarer Republik 1918-1933, Stuttgart 2005, S. 15-43, online https://mediarep.org/server/api/core/bitstreams/6d15f6e6-b942-4559-b5bb-edcd0157d404/content.
  3. 3
    Ebd., S. 42.
  4. 4
    Jan van Dijk, The Digital Divide, Cambridge 2020, S. 29-52; Elisabeth Badenhoop, The Fallacy of Perfect Regulatory Controls: Lessons from Database Surveillance of Migration in West Germany from the 1950s to the 1970s, in: Regulation & Governance 15 (2021), H. 3, S. 952-968, https://onlinelibrary.wiley.com/doi/epdf/10.1111/rego.12364.
  5. 5
    Als »Versicherheitlichung« wird die diskursive Darstellung von politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen als Bedrohungen gefasst, wobei mit diesen Darstellungsweisen das Ziel verbunden ist, das exekutive Handeln aus seinen normativen Rahmenbedingungen zu lösen: Eckart Conze, Geschichte der Sicherheit, Göttingen 2018, S. 90f.
  6. 6
    Maria Alexopoulou, Vom Nationalen zum Lokalen und zurück? Zur Geschichtsschreibung in der Einwanderungsgesellschaft Deutschland, in: Archiv für Sozialgeschichte 56 (2016), S. 463-484, hier S. 463, online https://library.fes.de/pdf-files/afs/bd56/afs56_20_alexopoulou.pdf.
  7. 7
    Das Zitat aus einem Rundschreiben des Auswärtigen Amts bei Matthias Dahlke, Demokratischer Staat und transnationaler Terrorismus, München 2011, S. 98.
  8. 8
    Siehe Veit Damm/Christian Henrich-Franke, Einleitung: Immobiler Verkehr im massenmobilen Zeitalter – ein europäisches Forschungsfeld, in: dies. (Hg.), Historische Grundlagen der mobilen Gesellschaft. Technologien der Verkehrslenkung und drahtloser Information auf Straßen und Wasserwegen in Europa, Baden-Baden 2023, online https://www.nomos-elibrary.de/10.5771/9783748937289-7.pdf.
  9. 9
    Christopher Kopper, Die Reise als Ware. Die Bedeutung der Pauschalreise für den westdeutschen Massentourismus nach 1945, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 4 (2007), H. 1-2, S. 61-83, hier S. 63, https://zeithistorische-forschungen.de/1-2-2007/4562.
  10. 10
    Veit Damm, Geschichte von Verkehrsinformationen als Instrument der Verkehrslenkung: Stau und mobile Gesellschaft 1960 bis 2000 , in: Damm/Henrich-Franke (Hg.), Historische Grundlagen der mobilen Gesellschaft, S. 161-190, hier S. 161, online https://www.nomos-elibrary.de/10.5771/9783748937289-161.pdf.
  11. 11
    Siehe hierzu Achim Saupe, »Innere Sicherheit« und »law and order«. Die politische Semantik von Ordnung, Sicherheit und Freiheit in der bundesdeutschen Innenpolitik, in: Johannes Hürter (Hg.), Terrorismusbekämpfung in Westeuropa. Demokratie und Sicherheit in den 1970er und 1980er Jahren, Berlin/Boston 2015, S. 171-200.
  12. 12
    Petra Terhoeven, Die Rote Armee Fraktion. Eine Geschichte terroristischer Gewalt, München 2017.
  13. 13
    Rüdiger Bergien, »Big Data« als Vision. Computereinführung und Organisationswandel in BKA und Staatssicherheit (1967-1989), in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 14 (2017), H. 2, S. 258-285, hier S. 264, https://zeithistorische-forschungen.de/2-2017/5488.
  14. 14
    Imanuel Baumann/Herbert Reinke/Andrej Stephan/Patrick Wagner, Schatten der Vergangenheit. Das BKA und seine Gründungsgeneration in der frühen Bundesrepublik, Köln 2011, S. 15, https://www.bka.de/SharedDocs/Downloads/DE/Publikationen/Publikationsreihen/PolizeiUndForschung/Sonderband2011SchattenDerVergangenheit.pdf?__blob=publicationFile&v=3.
  15. 15
    Baumann u.a., Schatten der Vergangenheit, S. 241.
  16. 16
    Bergien, Big Data als Vision, S. 264.
  17. 17
    Ebd., S. 263f.
  18. 18
    Ebd., S. 264.
  19. 19
    Horst Albrecht, Im Dienst der Inneren Sicherheit. Die Geschichte des Bundeskriminalamtes, Wiesbaden 1988, S. 289ff., https://www.bka.de/SharedDocs/Downloads/DE/Publikationen/Publikationsreihen/Forschungsergebnisse/1988ImDienstDerInnerenSicherheit.pdf?__blob=publicationFile&v=4; Baumann u.a., Schatten der Vergangenheit, S. 79ff.
  20. 20
    Bergien, Big Data als Vision, S. 276.
  21. 21
    Albrecht, Dienst, S. 293f.
  22. 22
    Dominik Geppert, Geschichte der Bundesrepublik, München 2021, S. 31.
  23. 23
    Nach wie vor grundlegend für Herolds Biografie: Dieter Schenk, Der Chef – Horst Herold und das BKA, Hamburg 1998.
  24. 24
    Amadou Korbinian Sow, On Reaching a Crime Scene Ahead of the Criminal: Dreams of Police and Technology from the 1970s to Today, in: German Law Journal 23 (2022), H. 4, S. 597-624, hier S. 609, https://lgcl.csl.mpg.de/attachments/Sow_2022_On_reaching_a_crime_scene.pdf; Lea Hartung, Kommissar Computer. Horst Herold und die Virtualisierung des polizeilichen Wissens, in: Detlef Georgia Schulze/Sabine Berghahn/Frieder Otto Wolf (Hg.), StaRP – Neue Analysen zu Staat, Recht und Politik, S. 57, Berlin 2010, https://refubium.fu-berlin.de/bitstream/handle/fub188/18667/StaR-P_w_7_Herold.pdf?sequence=1&isAllowed=y.
  25. 25
    Virginia Eubanks, Automating Inequality: How High-Tech Tools Profile, Police, and Punish the Poor, New York 2018, S. 1-23.
  26. 26
    Dahlke, Demokratischer Staat, S. 94f.
  27. 27
    Bergien, Big Data als Vision, S. 278.
  28. 28
    David Gugerli/Hannes Mangold, Betriebssysteme und Computerfahndung, in: Geschichte und Gesellschaft 42 (2016), H. 1, S. 144-174, hier S. 162.
  29. 29
    Vinzenz Hediger, Thermodynamic Kitsch. Computing in German Industrial Films, 1928/1963, in: ders./Patrick Vonderau (Hg.), Films that Work. Industrial Film and the Productivity of Media, Amsterdam 2009, S. 127-149, hier S. 144.
  30. 30
    Lea Hartung, Kommissar Computer, S. 25; Michael Geuenich, »… gibt es auch mal ein Küsschen auf das Lenkrad. « Anthropomorphisierungen von Technik und die fragile Black Box Automobil, in: Martina Heßler (Hg.), Technikemotionen, Paderborn 2020, S. 271-290, hier S. 271.
  31. 31
    Badenhoop, The Fallacy.
  32. 32
    Sow, On Reaching a Crime Scene, S. 614.
  33. 33
    Bergien, Big Data als Vision, S. 265.
  34. 34
    Ebd., S. 265.
  35. 35
    Ebd., S. 272.
  36. 36
    Badenhoop, Fallacy, S. 140.
  37. 37
    Ebd., S. 155.

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